JARDINS DES DÉLICES

Henriette Schoch

 

Michael Euls Installation im Kunstturm Mücke ist ein Ort des stillen, kontem- plativen Genusses. Sehr gekonnt bespielt der Künstler die Ausstellungsräume mit seinen Wandreliefs und den Papierarbeiten. Zwei ineinander laufende, aber sehr unterschiedliche Räume – einer fast fensterlos, geschlossen  rechteckig, der andere  quadratisch, ganz offen, mit drei Glaswänden – haben Eul zu einer ungewohnten Inszenierung angeregt. Speziell für den transparenten Glasraum hat  er die Papierarbeiten kreiert. Auch bei den  dreidimensionalen  Objekten war zumindest  im fortgeschrittenen Stadium des Arbeitsprozesses die Ausstellungssituation bekannt. Ungewöhnlich ist die Präsentationsform deshalb, weil die plastischen Werke sich an den Wänden  befinden, während die zweidimensionalen Papierarbeiten schwebend im transparenten Raum aufgespannt sind.

 

Da Euls Arbeiten stark architektonischen  Charakter haben, sind Wand und Raum integraler Bestandteil ihrer Wirkung. Die Wand  ist so etwas wie eine Werkbank, auf der mit Karton, Holz und Epoxydharz konstruiert  wird. Sie wird zu einem Element des Objekts, denn sie ist die ruhige Grundfläche, auf der sich die feinen Schwingungen und Krümmungen der Linien, das Zusammenspiel der Flächen und Zwischenräume  entfalten. Die in nuancierten Tönen lasierten, akzentuiert farbigen Konstruktionen wechseln je nach   Standpunkt ihre Erscheinung. So werden die geometrischen Kompositionen bei konzentrierter Betrachtung zu oszillierenden Formen.  Durch  das  Spiel von  negativem und positivem Raum, von verschiedenen vertikalen und horizontalen Flächen und Linien, von Licht und Schatten entsteht in den Wandreliefs eine faszinierende Lebendigkeit. Der lange schlichte Raum im Kunstturm Mücke ist daher überaus geeignet für neun Werke, die den Raum mal lang, vertikal und säulenartig, dann wieder eher als quadratische, kastenartige Fläche oder als verschachtelt horizontale Konstruktion bespielen.

 

Neben dem dreidimensionalen Werk sind Zeichnungen auf Papier ein dauerhafter Bestandteil des Schaffens. Charakteristisch ist deren Grundlage, alltägliche Materialien sind der Ausgangspunkt: aufgerolltes Backtrennpapier als Bildträger, industrieller Kunstharzlack und Ölpastellkreide als Farbe. Früher hat Eul diese Zeichnungen traditionell auf eine Papierunterlage montiert und gerahmt ausgestellt. Nun aber, für

 

 

 

den quadratisch-transparenten Raum im Kunstturm Mücke transformiert der Künstler die flache, einseitige Zeichnung in eine freischwebende, raumzerschneidende Fläche, die kein Hinten und Vorne mehr kennt und sich durch verschiedene Lichtsituationen fortwährend wandelt. Das nüchterne Papier bekommt durch die Lackschichten und die freischwebende Hängung einen ganz neuen lebendigen, hautähnlichen Charakter. Wie bei den dreidimensionalen Objekten gelingt dem Künstler die Metamorphose: Aus einfachem alltäglichem Gebrauchsmaterial entstehen fragile, poetische Gebilde, die irgendwo zwischen rationaler Geometrie und organischer Zufälligkeit ein Eigenleben finden.

 

Jardins des délices nennt Michael Eul seine Ausstellung. Der französische Titel entstammt einer Enzyklopädie mit dem Namen Hortus Deliciarum. Im 12. Jahrhundert fasste die Äbtissin Herrad von Landsberg das gesamte theologische und profane Wissen der damaligen Zeit zur  Belehrung der Klosterfrauen zusammen. „Garten der Köstlichkeiten“ nannte die gebildete, adlige Klosterfrau also ihr gelehrtes Sammelwerk.  Und wie die Lektüre vor achthundert Jahren anregte, sich konzentriert, aber auch flanierend in einen riesigen Wissens- fundus zu begeben, so lädt auch der 1966 Geborene den Betrachter ein, seine delikaten Schöpfungen aus verschiedenen Perspektiven kontemplativ zu genießen. Raum zur selbstbestimmten, eigenen Imagination öffnet sich.

 

Euls Kunst gehört in die Tradition des Minimalismus. Frank Stellas berühmter lakonischer Ausspruch: „What  you see is what you see“ beschreibt sowohl sein drei- wie auch sein zweidimensionales Werk. Basis sind Materialität, Farbe, Form, Oberfläche, Räumlichkeit sowie Licht- und Schattenspiel. Keinen symbolischen Verweis braucht das Werk, keine eingrenzende Geschichte oder Aussage, letztlich bleibt es in seiner Wirkung offen. Ermöglicht wird so die – von Umberto Eco in Das offene Kunstwerk einst beschriebene – freie kontemplative Interaktion zwischen Kunst und Betrachter. Dieser interaktive Prozess ist es, der letztlich inspirierend und läuternd zugleich wirkt. Vilém Flusser fand einmal die Worte: „Die Oberflächen sind die Weidegründe des Denkens und die Steinbrüche des Schöpferischen, aus denen Sinn gebaut wird.“